Kann man Tantra lernen?

Tantra ist der spirituelle Weg, der unsere sexuelle Energie, unseren Eros und unsere Sinnlichkeit als Ausgangspunkt der menschlichen Entwicklung nimmt. Tantriker sind also die, denen der Genuss ihres Liebeslebens und deren Verfeinerung über alles geht, stimmt’s? Einerseits ja. Liebesleben ist aber mehr als Sexleben, und so einseitig innenweltorientiert wie das über sie kolportierte Klischee sind Tantriker nicht. Denn die Beschäftigung mit der eigenen Sexualität – auch ihre Sakralisierung – macht uns Menschen tatsächlich liebevoller und mitfühlender. Was dann unausweichlich dazu führt, dass wir uns auch mehr für unsere natürliche und soziale Umwelt einsetzen. 

Der Anfängergeist des Tantra
Als mir im Sommer 1976 das Buch Zen Mind, Beginner’s Mind (Zen-Geist, Anfängergeist) des in Kalifornien lebenden Zenmeisters Shunryu Suzuki in die Hände fiel, wusste ich sofort: Das ist es! Du kannst üben und üben und üben, und wenn du dabei doch nicht wenigstens ein bisschen vom Geist eines Anfängers beibehältst, der jede Situation so sehen kann, als wäre sie zum ersten Mal da, dann hast du verloren. 
So ist es auch im Tantra und auf all den anderen mystischen Wegen. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, und diesen Zauber gilt es beizubehalten, auch wenn man dazulernt und immer wieder dazulernt und dabei reifer, weiser, vielleicht auch professioneller wird. Kann man Liebe lernen? Ja und nein. Es ist wie im Zen: Du kannst üben und immer nochmal üben, aber wenn du es falsch machst, versteifst du dabei, verhärtest und wirst zu einem Könner und Besserwisser, der auf die Anfänger, die es noch nicht können, runterschaut. So wie die von Jesus verachteten Schriftgelehrten, die glaubten, über Gott Bescheid zu wissen, weil sie sich in den Heiligen Schriften besser auskannten als alle anderen. 

Heilige Sexualität
Kann man lernen zu genießen? Kann man das Glück erjagen – das Glück des Bewusstseins lebendig zu sein, verletzlich, vergänglich, liebenswert? Man kann es nicht, und doch üben wir es oder versuchen das wenigstens. Auf dem Weg des Tantra, des übenden Umgangs mit Sexualität und Liebe als etwas Heiligem, gibt es Professionalität, ja, das gibt es. Sehr vieles gibt es da zu lernen, von der Anatomie über die Wirkungen der Hormone, die Gender-Identitäten und die Grundregeln des Funktionierens unserer Psyche in Sachen Sehnsüchte und Anhänglichkeiten, bis hin zu den hohen Künsten, die das Verweilen in Glückszuständen lehren.  
Und doch geht es nicht so, wie man eine Universität absolviert oder eine Handwerkslehre, denn das Eigentliche, Wesentliche lässt sich gerade auf diesem Weg nicht einfangen. In dem Moment, da man es zu haben glaubt, entwischt es schon wieder, und genau damit sich anzufreunden, mit dieser Unfassbarkeit des Eigentlichen, das ist die Kunst. Nur zu akzeptieren, dass alles vergänglich ist, dass Liebe, Glück, Ekstase und all das wirklich Wertvolle im Leben sich nicht festnageln lassen, genügt nicht, wir müssen uns damit anfreunden, wir müssen dieses Mysterium ins Herz schließen, damit es unser Leben in der Tiefe bestimmt.  

Das Unmögliche versuchen
Auf dieser Webseite stellen wir nun einige der im deutschen Sprachraum tätigen »Tantralehrer« vor. Das sind Menschen, die glauben, dass sich die hohe Kunst des Tantra erlernen lässt, dass sie etwas dazu beitragen können, dass das einem Lernenden, Übenden gelingt, und die doch wissen, dass das nicht ›funktioniert‹. Denn das Wesentliche ist unsichtbar und das Tao, über das sich sprechen lässt, ist nicht das wahre Tao. Aber sie versuchen es. Denn einiges geht doch. Manchmal genügt ein kleiner Wink von außen, und etwas öffnet sich in dir. Liebe ist erlernbar, Sex umso mehr und auch die verflixte Kommunikation, die doch das A&O ist in einer Paarbeziehung und in jeder Freundschaft. 
Geht es also doch? Ich würde mich freuen, wenn diese Portraits und die sich daraus ergebenden Kontakte dazu beitragen könnten, dass du und sie und er und wir alle es versuchen. Es lohnt sich! Auch wenn sich das Wertvollste im Leben nicht festhalten lässt und es keinen Weg des Tantra gibt, den du gehen kannst, denn: Da wo du gehst, das ist der Weg! 

 

Wolf Schneider Connection Tantra

Wolf Schneider

Hrsg. der Connection Tantra Hefte

schneider@connection.de